Kein Land verfügt über eine solche Dichte an herausragenden Schlagzeugern wie die Schweiz – das ist nicht Wunschdenken, sondern längst eine unbestrittene Tatsache. Welchen Anteil daran fasnächtliche Basler und Luzerner Trommeltraditionen oder Kapellen von der Dorf- über Polizei- bis zur Marsch- und Militärmusik haben, darüber gehen die Meinungen hingegen auseinander.

Pierre Favre jedenfalls, dieser grosse Poet, der hierzulande wie kein Zweiter mit Trommeln, Becken, Gongs, Sticks und Besen zu singen vermag, dieser Meister der rhythmischen Töne, Farben und Nuancen, Pierre Favre ist keiner, der aus diesen Traditionen kommt. Vor Jahren schon hat er darauf hingewiesen, dass sein Schlagzeug- und Perkussionsspiel rein gar nichts mit der Marschtrommel zu tun hat. Seine Trommel ist nicht blosse Taktgeberin, sondern rhythmischer Klang, und sein Spiel ist Melodie.

Seit Mitte der 1970er-Jahre tritt er solo auf, 1984 veröffentlichte er bei ECM ”Singing Drums” mit Paul Motian, Nana Vasconselos und Fredy Studer, und seither hat er zwar sein Instrumentarium kontinuierlich erweitert, aber das gemeinsame ”Singen mit Perkussionisten” stetig weiterverfolgt. Seine Zusammenarbeit mit Lucas Niggli, seine Duo-CD mit Fredy Studer und seine Ensembles bis hin zum Oktett ”The Drummers” sind wunderbar klingende Zeugnisse davon.

Mit dem Perkussionsquartett DrumSights setzt Favre seit fünf Jahren seinen Weg so konsequent wie vergnüglich fort. ”Now” ist zwar grösstenteils komponiert – fünf der zwölf Songs sind von Zangger, Lauterburg und Jaeger, die übrigen von Pierre – aber wo improvisiert wird, lässt sich kaum ausmachen. Die Kompositionen wirken zu keinem Zeitpunkt konstruiert, vermitteln vielmehr ein Gefühl von Spontaneität und Ursprünglichkeit. Und die Stücke sind so abwechslungsreich, so vielfarbig, aber trotzdem in sich stimmig und alles andere als kunterbunt, sie sind so klug und raffiniert, dass wir uns liebend gerne in den rhythmischen Klangkosmos hineinziehen lassen – vom Anfang bis zum Schluss.

Diese Musik ist Atem und Luft, Feuer und Himmel, Wasser und Erde und Raum. Die rhythmischen Kulturen Afrikas und Europas scheinen so zusammengewachsen wie Körper und Geist. Die Melodien sind von Intelligenz, Lust und Subtilität durchdrungen, Favres sicheres Gefühl für Dramaturgie und Ästhetik liegt dieser Zusammenarbeit hörbar zugrunde. Das musikalische Geschenk, das uns dieses Quartett macht, ist mit Überraschungen gespickt, hält intensive Momente bereit, will uns aber nicht andauernd bedrängen. Es findet eine wohltuende Balance zwischen Spannung und Entladung und steigert seine Wirkung noch dadurch erheblich, wie und wo es Pausen setzt und integriert: Das ist meisterhaft.

Steff Rohrbach

Anything that comes by way of music from Pierre Favre is a wealth indeed. And here on Now you are once again reminded of how important his far-reaching music derived from his own percussion aristocracy ought to be discerned, perceived and listened to. This heady mix of alternating violence and tenderness, innocence and seduction is as mesmerising as the fabled music of the Pied Piper of Hamelin. Mood swings are extreme, telling you that even the Swiss admit that their temperament can reel from sadness (an inimitably ‘blue’ tint) to a crazed exuberance with little in between.

Favre has technique in spades and this disc is the quintessential Favre: surprising, experimental, familiar and at the same time so mysterious that it always keeps you guessing. In fact this is a showcase for the avant-garde sensibility of musicians who lives constantly on the edge. And then to make a record as new and unfathomable as this is to buck the system with even greater force. Of course the drummer is ably assisted by three other fine drummers: Chris Jaeger, Markus Lauterburg and Valeria Zangger.

The melodies are elegant, if slight: This quartet of drummers/percussion colourists play with superb and utter nonchalance. It’s hard to say who sounds best; perhaps it does not really matter as there is very little daylight between the drummers. Still Pierre Favre being the elder statesman that he has become in recent years is impressively commanding and authoritative. What’s more he seems to be thoroughly enjoying himself.

Raul da Gama, jazzdagama, Canada, May 2, 2016

Pierre Favre
Interview Novembre 2010
par Luc Bouquet

Nouvel élément du développement d’un impromptu précis de frappe helvète : entretien avec Pierre Favre. Le temps d’un retour sur quelques collaborations (Irène Schweizer, Mal Waldron, Jimmy Woode, Peter Kowald, Evan Parker…) et d’un point nécessaire sur les projets en cours d’un percussionniste qui donnait récemment de beaux enregistrements à noms de codes (Albatros et Vol à voile).

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