Was Pierre Favres Schaffen heute auszeichnet, kann man durchaus als Reife bezeichnen. All die unterschiedlichen Erfahrungen sind eingeflossen. Vom frühen hochenergetischen Spiel mit Irène Schweizer und Peter Kowald über die Zurücknahme des Klangs bis an den Rand der Stille mit der Sängerin Tamia. Von der Arbeit mit Jazzgruppen bis zum Solo als Perkussionist und zur Potenzierung mit Gruppen von Schlaginstrumentalisten unterschiedlicher musikkultureller Herkunft. Von der völlig auf das Spontane konzentrierten Improvisation bis zum konzeptionellen, strukturbestimmenden Denken. Vom Auszug nach Paris und der Rückkehr in die Schweiz Anfang der neunziger Jahre. Von den „Singing Drums“ zum „European Chamber Ensemble“.
Wie klingen die Stücke? Für mich hallt in ihnen die europäische Musikkultur wider. Nicht die Welt der Klassik, sondern die des Mittelalters und der Renaissance. Zeiten, die uns oft näher stehen, weil in ihnen – wie heute – vieles in ständiger Bewegung war. Und auch die Musik des Mittelmeerraums klingt nach und klingt mit, die Öffnung zu orientalischen und afrikanischen Kulturen.
Hier freilich finden sich Schnittstellen zur hymnischen Melodik eines John Coltrane, zum Aufbrechen der Klänge im Schatten späterer, auch über den Jazz hinausschauender Generationen. Pierre Favres Stücke entfliehen der traditionellen Liedform, aber sie sind angefüllt mit Gesanglichem. Das unterscheidet sie vom Schaffen der Komponisten Neuer Musik. Favre feiert das Leben mit tänzerischer Leichtigkeit des Klingenden.
Doch er weiss auch um das Melos der Melancholie, um die Schärfe der Dissonanz und das Stimmengewirr in der Nacht. So sind diese Titel nicht nur in sich, sondern auch im Verhältnis zueinander komponiert.
Ein grossartiges Porträt, ein gross angelegtes Gruppenbild und eine von Perkussionsrhythmen durchzogene Klangfolge, die uns über das Leben erzählt.
Bert Noglik, Die Wochen Zeitung, WOZ,
Zürich, 21.Sept. 2000